Dienstag, 20. Oktober 2015

Polen – Gumtow & Treptow


Meine Großmutter hat im letzten Jahr ihren 80. Geburtstag gefeiert und dafür mussten wir uns als Familie etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Mein Vater hat den Vorschlag gemacht, dass wir alle gemeinsam ihren Geburtsort besuchen, und da ich eh ein Fan vom Reisen bin habe ich sofort zugesagt. Ich ließ mir noch schnell ein paar nette Worte einfallen, mit denen ich ihr vor ihren ganzen Seniorenfreunden die Überraschung übergab und kurz darauf ging es dann schon los. 
Mit den Großeltern, den Eltern, dem Bruder und dem Freund im Gepäck fuhren wir die Ostsee-autobahn entlang bis nach Usedom.
Wir haben uns noch auf der deutschen Seite ein Ferienhaus gemietet und Kommunikationsproblemen aus dem Weg zu gehen. Die Wohnung war super ausgestattet. Eine moderne Küche, W-Lan, und ein gemütliches Wohnzimmer waren vollkommen ausreichend.  Nachdem wir den Abend nur noch am Ostseestrand zu Abend gegessen haben, ging es am folgenden Morgen direkt mit der Fähre nach Polen. Kaum waren wir auf der anderen Seite des Flusses, fiel mir die lange Autoschlange auf, welche in Richtung Deutschland zielte und natürlich die Jungs, die an der Grenze noch schnell Zigarettenstangen loswerden wollten. Auf dem Rückweg haben wir da auch noch einen ganzen guten Deal gemacht.
Direkt an der Grenze sahen die Gebäude und Wohnblöcke sehr schmuddelig aus. Teilweise waren Häuser eingestürzt und anscheinend von dem Moment an nie wieder angerührt  worden. Vielleicht finden Obdachlose noch einen Schlafplatz darin, aber ansonsten waren die Blocks menschenleer und zurückgelassen.  Die überirdischen Stromverteilungen ließen auch zu wünschen übrig. Festgeknotet und überlappend hingen sie ganz nah an den Häusern und Straßen und wirkten ziemlich gefährlich.
Unser Ziel hieß Gumtow. Gumtow ist ein sehr kleines Dorf, in dem meine Großmutter großgeworden ist und zur Schule ging. Während des Kriegs musste Sie aber mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und einer Milchkanne in der Hand am Strand entlang fliehen. Der Weg muss grauenvoll gewesen sein. Ab und zu erzählt Oma davon, aber meistes übernimmt Opa den Rest dann, wenn sie nicht mehr weitererzählen kann…
Nichtsdestotrotz war es ihr Wunsch, dem Örtchen wieder einen Besuch abzustatten.  Zum Glück funktionierte unser Navigationsystem in ganz Europa, ansonsten wären wir bestimmt nie angekommen. Als öffentliche Straße eingezeichnet war nämlich ein Sandweg, welcher diagonal über zwei Felder führte, durch ein kleines Stück Wald und dann wieder über einen schlammigen Feldweg. Gumtow selbst erinnerte mich ein bisschen an mein eigenes Dorf Stedden. In der Mitte waren eine Grundschule und ein Kindergarten mit einem Spielplatz und von da an führten Bauernhöfe, bzw. relativ große Häuser mit weiten Gärten ab in alle Richtungen. Dazwischen waren auch wieder eingestürzte Gebäude zu sehen, welche allerdings ziemlich beeindruckend, aber auch gruselig aussahen. 



Uns kamen kaum Anwohner entgegen. Ein Mann angelte in einem kleinen Teich und eine Gruppe jüngerer Leute gingen an uns vorbei, um dann 200m weiter auf einer Parkbank Bier zu trinken (gegen 11 Uhr morgens). Direkt gegenüber der Schule fanden wir eine Steinsäule mit der Inschrift: „ Zum Andenken an die Einwohner und Toten von Gumtow Pomm, die bis Mai 1946 hier wohnhaft waren“. Meine Großmutter hatte Schwierigkeiten, die Säule wieder zu erkennen. Wie sich später herausstellte, war das Denkmal einst viel größer mit einem Fuß und einer kleinen tiefen Mauer drum herum, die mit Blumen verziert war, doch war der Teil schon komplett zugewachsen und fast gar nicht mehr zu erkennen. Gepflegt wird dieses Denkmal leider gar nicht mehr.

                                                  
An einigen Hausfassaden waren deutsche Sprichworte zu erkennen, manche wurden allerdings übergestrichen oder herausgekratzt.


Wie gesagt war das Dorf nicht sonderlich groß und wir gingen alle Straßen in gut einer Stunde ab. Ein paar spielende Jungs kamen uns auf einem alten klapprigen Fahrrad entgegen. Entweder haben sie uns freundlich begrüßt oder auch lachend beleidigt. Ich war mir nicht sicher. Ihre Mutter rief sie auf jeden Fall schleunigst auf den Hof zurück.
Nach einiger Zeit, die meine Großmutter zur Orientierung brauchte, konnte sie uns den Platz zeigen, wo ihr Haus damals stand, der Bauernhof auf dem sie gearbeitet hat und noch ein paar andere Ecken, an die sie sich erinnern konnte. Wo ehemals ein Friedhof war, war nun nur noch eine Wiese mit Wildblumen.                                                                          
Lustig fand ich das Postsystem. Mitten im Dorf standen alle Briefkästen auf einem Haufen mit Nummern dran, so dass der Postbote nicht jede Straße einzeln abfahren muss, sondern sich die Anwohner ihre Briefe selbst abholen.


Nachdem wir in Gumtow alles besichtigt haben, fuhren wir noch in die nächstgrößere Stadt Treptow. Wir hielten kurz am Marktplatz, von wo aus Oma uns noch die Wohnung ihrer Tante zeigte. Das Rathaus war sehr prunkvoll  verziert. Die Infobretter waren sowohl auf Deutsch als auch Polnisch beschrieben.  


 Ansonsten waren in den Straßen nur kleine Läden und Wohnungen oben drüber. An jeder Ecke war ein Kiosk und die Anzahl der Elektroläden fiel mir auf.

Auf dem Heimweg kauften wir noch schnell günstige Zigaretten und dann waren wir auch schon wieder auf der Fähre. Auf der deutschen Seite war nun wieder die lange Autoschlange von demselben Morgen.  Die polnischen Arbeiter wollten auch wieder nach Hause, um den restlichen Abend mit der Familie zu verbringen. 
Alles in allem gab es auf diesem Road Trip diesmal keine großen Attraktionen und Sehenswürdigkeiten, aber die Zeit war trotzdem wunderschön. Den Geburtsort meiner Großmutter gemeinsam mit ihr und der ganzen Familie zu besuchen war allein schon die ersehnte Attraktion. Trotz ihrer Schwierigkeiten sich am Anfang zurechtzufinden, haben wir viele schöne Orte gefunden und den Moment genossen.

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